Schach in Poll

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Literarischer Schachesel

Schachesel Kettenbach

Unser langjähriges Mitglied Dr. Hans-Werner Kettenbach ist bekannt als Autor zahlreicher Romane und Fernsehspiele. Hans-Werner hatte eine zentrale Rolle beim Aufbau der Poller Schachesel und spielte bis ins hohe Alter im Verein. Am 5. Januar 2018 ist Hans-Werner Kettenbach im Alter von 89 Jahren gestorben.

Wir geben hier einen Text von Hans-Werner über das Schachspiel wieder, den er 2003 in der Wirtschaftszeitung "Handelsblatt" veröffentlichte.

 

Hans-Werner Kettenbach
Abenteuerreisen im Geviert (Teil 1)

Eine Droge für rastlose Geister: Das Schachspiel
(Gekürzte Fassung)

Als ich siebzehn war, wurde ich in die erste Mannschaft eines Schachvereins aufgenommen, der in einer Kölner Vorstadtkneipe seine Wettkämpfe austrug. Als ich zwanzig geworden war, wollte ich eine Geschichte schreiben, in der ein Großmeister, der sich endlich als Herausforderer des Weltmeisters qualifiziert hat, die erste Partie des Wettkampfs um den begehrten Titel mit einem geradezu aberwitzigen Zug eröffnet, einem Zug, der ihn gegenüber dem Titelträger sofort in einen - wahrscheinlich entscheidenden - Nachteil bringt.
Man muß sich das vorstellen: Der Mann hat jahrelang zäh gearbeitet, sich von Turnier zu Turnier durchgekämpft, bis er diese einmalige Chance erhält – und dann vergeudet er sie, indem er seinen Damenspringer auf das Feld a3 stellt, das heißt: auf den Rand des Bretts, von wo er kaum etwas bewirken kann.
„Springer a3“ sollte die Geschichte denn auch heißen. Sie sollte nicht zuletzt die Nöte vor dem Spiel beschreiben, die Anspannung, das Bangen, freilich auch die Erleichterung, wenn die Partie sich günstig entwickelte und der Erfolg sich abzeichnete, den stillen Triumph, wenn der Gegner die Uhr anhielt und die Hand zur Gratulation über das Brett reichte. Aber im Wesentlichen ging es mir um etwas anderes, etwas ziemlich Hochgestochenes: Mein Großmeister sollte mit seinem provokanten Zug weniger gegen die Strapazen protestieren, denen das Schach seine Liebhaber unterzieht. Ich wollte vielmehr durch seinen widersinnigen Akt die Verzweiflung des Menschen demonstrieren, dem die Welt zwar unendlich viele Möglichkeiten anbietet, der aber gleichwohl genötigt ist, sich für etwas ganz Bestimmtes zu entscheiden und anderes, so vieles andere zu lassen, wenn er nicht etwas „Falsches“ tun will.
Zu dieser Zeit hatte ich meine ersten Semester bei dem Münchner Philosophen Aloys Wenzl schon hinter mir. Ich kultivierte den Zweifel, ob es überhaupt möglich sei, das Wahre zu erkennen und das Richtige zu tun. Die Schachtheorie unterstellte, daß in einer bestimmten, eindeutig definierbaren Situation auf dem Brett von den vielen, so vielen denkbaren nächsten Zügen nur ganz wenige „richtig“ seien. Aber war das wirklich wahr? Und sollte man sich tatsächlich von solchen Regeln zeit seines Lebens einengen und knebeln lassen?
Vielleicht war es tatsächlich ein philosophischer Ansatz, der meinen Großmeister entstehen ließ. Vielleicht war es aber auch nur ein Versuch der Gegenwehr, einer emotionalen, wütenden Verteidigung gegen das Schach. Von den Wettkampfpartien, die ich damals austrug, dauerten manche von Sonntagmorgens bis nachmittags um drei. Und auch danach ließ die Partie mich nicht los, ich sah sie vor Augen.
Zwei literarische Werke haben das derart verhexte Spiel zu ihrem Gegenstand gemacht, „Zaščita Lužina“, Lushins Verteidigung von Vladimir Nabokov, das 1930 erschienen ist, und Stefan Zweigs „Schachnovelle“ von 1943. Beide Werke rühren an Grundstrukturen der menschlichen Existenz. Sowohl die zentrale Figur Zweigs, der Wiener Rechtsanwalt Dr. B., wie die Nabokovs, der russische Großmeister Lushin, sind herausragende Schachspieler; doch dem einen wie dem anderen wächst das Spiel über den Kopf, es entartet zur Besessenheit, entwickelt alle Symptome einer „Schachvergiftung“ (Zweig).


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Teil 2